Ich habe schon viele schräge Silvesternächte erlebt. Istanbul 2015 gehört definitiv in die Top 3.

Ich hatte bereits die Silvesternacht 2009 in Istanbul verbracht. 18 °C, kein Privatfeuerwerk, liebenswerte Menschen und eine atemberaubende Metropole – so einen Jahreswechsel wollte ich wieder erleben. Meine Frau ließ sich gleich begeistern, ebenso ein befreundetes Paar. Doppelte Pärchenscheiße, na ja, wir werden nicht jünger.

Schon einige Tage vor Silvester starrten wir semibegeistert auf die Wettervorhersage. Angekündigt waren Minusgrade und Schnee. Aber nur exakt an den vier Tagen, die wir dort verbringen wollten. Davor und danach: angenehme Plusgrade. Wir hofften noch auf dezente Änderungen, aber vergeblich. Die Auswirkungen des Wetters waren weitreichend.

Unser Flug sollte um 14 Uhr starten; erwartungsgemäß wurde daraus nichts. In Istanbul tobte ein Schneesturm. Alle Flüge auf die europäische Seite Istanbuls wurden gestrichen. Zum Glück mussten wir auf die asiatische Seite, warten mussten wir trotzdem. Wir bekamen jeweils einen 10-€-Gutschein als Entschuldigung ausgehändigt und hauten ihn im Flughafenbistro auf den Kopf.

Zeit totschlagen am DUS. Abflug.

Knapp zwei Stunden später als geplant startete das Boarding, selbstverständlich gewohnt träge. Um kurz nach 17 Uhr hob der Flieger endlich ab, um ca. 21 Uhr Ortszeit landeten wir im schneeweißen Istanbul auf dem Flughafen Sabiha Gökçen. Wir wussten, dass es knapp werden würde mit unserer Silvesterparty am Bosporus. Natürlich dauerte es auch noch ewig, bis unser Koffer auf dem Band erschien. Beim Warten lernten wir Marc kennen, einen 25jährigen Deutschtürken, der uns im weiteren Verlauf des Abends noch den Arsch retten sollte.

Weit nach 22 Uhr bestiegen wir endlich den Bus Richtung Taksim-Platz, wo wir schließlich um 23:30 Uhr ankamen. Mithilfe von Marc überredeten wir einen Taxifahrer, uns Fünf in seine Stufenheckgurke zu quetschen und nach Sultanahmet zu fahren, direkt vor die Hagia Sophia. Auf den Straßen türmte sich der Schnee, und die Taxifahrer Istanbuls fuhren noch schlimmer als sonst. Für sie gibt es in so einem Auto nur zwei Aufgaben: Gas geben und hupen.

Um 23:58 Uhr stiegen wir schließlich vor der Hagia Sophia aus. Marc hatte von einer Passagierin eine Sektflasche geschenkt bekommen, die wir nun köpften. Um 0:00 Uhr hießen wir das neue Jahr willkommen, im Hintergrund die illuminierte Sultanahmet Camii, die Blaue Moschee, vor uns die Hagia Sophia, und überall Schnee.

Hagia Sophia (Ayasofya) Sultanahmet Camii, die »Blaue Moschee«

Aber jetzt ging die Scheiße erst richtig los. Wir mussten zu unserem Apartment. Um 0:20 Uhr stapften wir los, Marc in die eine, wir in die andere Richtung. Nach einigen Minuten begann es zu schneien. Um zwanzig vor eins erreichten wir endlich die Ecke, wo unser Apartment sein sollte. Als wir da so herumsuchten, wurden wir von zwei halbstarken Jungs mit Schneebällen beworfen. Von meinem ersten Besuch in Istanbul hatte ich noch die enorme Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit im Hinterkopf, also beschloss ich, die zwei Jungs um Hilfe zu bitten.

Die Zwei entschuldigten sich für die Schneebälle und führten uns direkt zum Apartment. Leider war die Einrichtung längst geschlossen. Wir klopften und klingelten, doch vergeblich. Ans Telefon gingen sie auch nicht. Die zwei Jungs erkannten unser Dilemma und überredeten uns, ihnen zu einem nahegelegenen Hostel zu folgen, wo sie einen Bekannten aus dem Bett klingelten. Doch der sehr verschlafene Besitzer konnte uns auch nicht helfen, denn sein Hostel war komplett ausgebucht.

Die Jungs wirkten verzweifelter als wir selbst, es war herzzerreißend. Der eine bot mir sein Bier an, ich ließ mir von ihm »frohes neues Jahr« auf Türkisch beibringen (»Mutlu yıllar«). Wir riefen Marc an und schilderten ihm unsere Situation. Zum Glück waren in seinem Hotel noch einige Zimmer frei. Wir verabschiedeten uns von den zwei Jungs und machten uns auf den beschwerlichen Weg. Die Straßen waren kaum begehbar und schön glatt, so dass wir nur im Schneckentempo vorankamen. Um 2:10 Uhr erreichten wir endlich unser Ziel. Das Zimmer war geräumig und schön eingerichtet, wir waren zufrieden.

Keresteci Hakkı Sokak Keresteci Hakkı Sokak

Leider hatten wir noch nichts gegessen, also machten Marc, meine Frau und ich uns zu dritt auf die Suche nach etwas Essbarem. Kaum waren wir draußen, begann ein heftiger Schneefall, und der miese Wind blies uns den ganzen weißen Scheiß auch noch mitten in die Fresse. Wie drei Zombies liefen wir in Sultanahmet herum, aber wir fanden nichts. Das Nervigste waren dabei die Restaurants, die ihre beschissene Außenbeleuchtung eingeschaltet ließen. So keimte immer wieder Hoffnung auf, die sofort enttäuscht wurde. Es war grausam.

Nach einer Stunde fanden wir einen Kiosk, der gegrillte belegte Brote anbot. Wir nahmen direkt zehn Stück, was den Besitzer für fast eine halbe Stunde beschäftigte. Um kurz nach 4 Uhr waren wir wieder im Hotel, völlig durchgefroren und fertig. Die Brote schmeckten wie aus dem persönlichen Ofen von Gott. Kurz nach 5 Uhr endete für uns eine denkwürdige Silvesternacht. Mutlu yıllar!

Derya Büfe, Biçki Yurdu Sokak. Derya Büfe, Biçki Yurdu Sokak.

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