Es ist schon zwei Jahre her. Trotzdem denke ich immer wieder an ihn. Den blöden Backpacker, den wir besser nicht hätten aufnehmen sollen.

Meine Frau und ich saßen gemeinsam mit Freunden in einer Dortmunder Kneipe, in der sich überwiegend junge Leute die Abende um die Ohren hauen. Drinnen können die Gäste kickern, draußen dem sanften Rauschen der Straße lauschen. Irgendwann tauchte dieser Typ auf: Schmächtig, blass, kurzes Haar, leicht fliehendes Kinn. Der riesige Rucksack verriet mir: Aha, ein Langstreckenwanderer.

Bevor er sich hinsetzte, unterhielt er sich einige Minuten mit dem Personal. Wir beachteten ihn nicht weiter. Nach einer Weile wandte er sich wieder ans Personal, diskutierte lange mit ihnen und setzte sich wieder. Da wir den einen Mitarbeiter persönlich kennen, fragten wir ihn, was los sei. Er erzählte uns, dass der Backpacker eine Bleibe für die Nacht suche.

Sozial wie wir sind, luden wir ihn an unseren Tisch ein und versorgten ihn mit Bier. Wir erfuhren, dass er David heißt und aus Israel stammt. Seine Frau war beim Militär, er hatte scheinbar nichts Besseres zu tun als durch Europa zu wandern, also wanderte er durch Europa. Okay. Er war ungefähr zehn Jahre jünger als wir, sah aber zehn Jahre älter aus.

In das erste Fettnäpfchen trat er, als er mir erzählen wollte, wie man Whisky zu trinken habe. Er hatte keine Ahnung, empfahl einen Tumbler, was wohl ungefähr alle tun, die absolut keine Ahnung von Whisky haben. Er beharrte mit einer Arroganz auf seiner exklusiven Meinung, dass ich zu diesem Zeitpunkt keine Lust mehr auf den Jungen hatte. Aber wenn man bierselig ist, sieht man wohl über einiges hinweg.

Irgendwann fanden wir heraus, dass er kaum etwas gegessen hatte. Also drückten wir ihm Geld in die Hand und schickten ihn zum Dönermann. Als er wiederkam, hatte er keine bessere Idee als über »die Türken« herzuziehen. Während er den Döner aß! Er möge keine Türken, weil sie schmutzig seien. Und kriminell. An dieser Stelle hätten wir ihn wegschicken sollen, taten wir aber nicht. Diese Lästereien gingen in all dem Smalltalk irgendwie unter, und dass es Scheiße war, weiß ich heute. An jenem Abend aber waren wir betrunken, gut gelaunt und sehr nachlässig.

Damit er nicht im Freien pennen musste, nahmen wir ihn mit nach Hause. Wir gaben ihm zu trinken, er duschte sich ausgiebig (SEHR ausgiebig), dann erlaubten wir ihm auch noch, sich an unseren Laptop zu setzen. Erst daddelte er auf Facebook herum und schrieb noch ein paar Mails. Dann aber stellte er YouTube auf Hebräisch um und begann, uns religiöse Propagandascheiße zu zeigen. Was die Türken hier sind, seien Araber in Israel, brabbelte er vor sich hin. Wir ließen ihn allein und gingen schlafen.

Dortmund

Am nächsten Morgen luden wir ihn trotzdem (wieso eigentlich?) noch zum Frühstück ein. Aber das war wohl nicht sein Ding, dieses vegane Zeug von uns. Er ließ sein angekautes Brot liegen. Dann fragte er, ob er sich das Fahrrad ausleihen könne, was meine Frau am Vorabend im Überschwang angeboten hatte – und ob er abends wiederkommen könne. Wir aber hatten noch etwas vor und verneinten. Ab diesem Moment redete er kaum mehr mit uns, packte seine Sachen und verschwand, ohne sich zu bedanken.

Biere, Döner, Schlafplatz, Dusche, Getränke, Internet, Frühstück. Ohne das simple Wort »Danke«. Da kommt so ein religiöser Wichser her, zieht über die ach so bösen Türken und Araber her und benimmt sich dabei primitiv und ungehobelt. Wenn es so etwas wie Karma gibt, wurde er am selben Tag noch von einem Hund gebissen.

Meine Frau und ich würden jederzeit wieder einen Backpacker aufnehmen. Wir helfen gern. Aber beim nächsten Mal werden wir uns den Kandidaten genauer ansehen. Wir werden genauer hinhören. Blöde Backpacker bleiben in Zukunft draußen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*